In der Talsole innehalten

Veröffentlicht am 19. Oktober 2026 um 15:46

Was kann mir in diesem Moment helfen?

Gerade in Momenten der Erschöpfung, wenn wir das Gefühl haben, eigentlich nicht mehr zu können, stellen wir uns vielleicht die Frage: Was kann mir jetzt helfen? Häufig suchen wir in solchen Augenblicken Unterstützung im Außen. Diese kann wohltuend und hilfreich sein. Und es gibt schwere Situationen im Leben, in denen Unterstützung von außen notwendig ist. Manche Lebenslagen entwickeln eine unglaubliche Sogwirkung. In solchen Momenten muss niemand allein versuchen, aus diesem Strudel wieder emporzusteigen.

Daneben gibt es die alltäglichen Höhen und Tiefen. In manchen dieser Momente sind wir erschöpft oder niedergeschlagen, aber grundsätzlich noch in der Lage, innezuhalten und selbst wahrzunehmen, was wir brauchen. Wenn wir bei jedem kleinen Tief sofort im Außen nach einer Antwort suchen, kann das unser Vertrauen in die eigene Stärke schwächen.

Eine achtsame Begleitung von außen kann uns zugleich dabei unterstützen, wieder Zugang zu unserer eigenen Kraft und unseren Antworten zu finden. Sie nimmt uns die eigene Stärke nicht ab, sondern hilft uns, sie wieder wahrzunehmen.

Genau auf diese alltäglichen Momente möchte ich den Blick richten. Gerade in turbulenten Zeiten erleben wir einen Tag, an dem wir himmelhoch jauchzend durchs Leben wandeln. Am nächsten Tag spüren wir vielleicht, dass wir den Berg wieder hinabgestiegen sind und gerade eine Talsohle durchschreiten. Dabei gilt es, auch diese Talsohle anzunehmen und zu betrachten, genauso wie am Tag zuvor das himmelhoch jauchzende Gefühl.

 

Auch die Talsohle darf da sein

Was kann uns in diesem Augenblick, in dieser Talsohle, unterstützen? Vielleicht liegt die Unterstützung darin, anzunehmen, zuzulassen und darauf zu vertrauen, dass der nächste Tag oder vielleicht schon der nächste Moment völlig anders sein kann.

Oft befinden wir uns in solchen Zuständen in einer Abwehrhaltung und möchten sie schnellstmöglich verlassen. Vielleicht liegt die Lösung gerade darin, den Augenblick zu akzeptieren und anzunehmen.

Das Leben ist ein stetiges Auf und Ab. Einen linearen Weg, auf dem wir uns immer gleich himmelhoch jauchzend oder gleichmäßig getrübt fühlen, gibt es meines Erachtens nicht. Beides hat seine Daseinsberechtigung: das Lichtvolle in uns ebenso wie das etwas Dunklere. Es geht um Annahme.

 

Innehalten und entschleunigen

Was hilft also in diesem Augenblick? Das kann ganz unterschiedlich sein. Oft liegt die Essenz im Nichtstun, also darin, nicht dagegen anzugehen, sondern anzunehmen, was sich uns gerade zeigt. Auch wenn wir die Talsohle so schnell wie möglich verlassen möchten, können Entschleunigung, Innehalten und ein bewusstes Stopp die Essenz sein.

Spüre ich diese Erschöpfung in meiner Arbeitswelt, kann ein Stopp bedeuten, für diesen Tag aus der Arbeitswelt auszusteigen. Dafür gibt es Möglichkeiten. Auch wenn man weder angestellt noch selbstständig tätig ist, kann man sich eine Auszeit nehmen, zum Beispiel dann, wenn die Kinder im Kindergarten oder in der Schule sind.

Wir haben immer die Möglichkeit, wenn auch nur für einen kurzen Augenblick, das sein zu lassen, was wir in unserem Kopf unbedingt tun zu müssen glauben.

 

Was müssen wir tatsächlich tun?

In solchen Momenten ist es besonders wichtig, unsere Aufmerksamkeit auf uns selbst zu lenken, uns ein Stück weit in uns zurückzuziehen und unser wahres Selbst zu betrachten und zu erkennen.

Im Laufe des Tages gibt es so vieles, von dem wir glauben, es tun zu müssen. Doch wenn wir einmal wirklich reflektieren: Was müssen wir tatsächlich tun?

Selbstverständlich ist es wichtig, zum Beispiel ein kleines Kind zu versorgen, denn es kann sich nicht selbst versorgen. Natürlich müssen wir ihm in diesem Augenblick eine Mahlzeit zubereiten. Aber vielleicht darf es auch einfach sein. Vielleicht dürfen wir uns gerade dann erlauben, einmal fünfe gerade sein zu lassen: nicht alles perfekt haben zu wollen und nicht einer Utopie hinterherzujagen, wie etwas aussehen muss.

Vielleicht dürfen wir einfach sein, in diesem Augenblick, in dem wir uns in einem Tal befinden.

 

Nicht jeder Berg muss erklommen werden

Wenn wir unsere Energie bei uns sammeln und uns dessen bewusst werden, können wir den nächsten Berg viel kraftvoller erklimmen. Doch muss es überhaupt ein Berg sein? Vielleicht können wir auch um ihn herumgehen.

Wir müssen nicht jeden Berg erklimmen, wenn wir uns in einer Talsohle befinden. Wir dürfen einfach um ihn herumwandern, um in den folgenden Tagen das Glücksgefühl in uns wieder zu spüren.

Die Essenz liegt in der Entschleunigung und in der Erlaubnis, einfach zu sein: im Augenblick anzukommen, mit dem Leben im Flow zu sein und die Welle zu reiten, anstatt in ihr unterzugehen.